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buildings VIII

fascism | innocence
2019

Die Gemäldeserie „fascism | innocence“ porträtiert sieben in der NS-Zeit errichtete Gebäude. Zwei stehen in Deutschland, drei in Italien, eines in Österreich und eines in Frankreich.

Der Deutsche Pavillon in Venedig ist ein deutsches Gebäude auf italienischem Boden. Er wurde 1909 anlässlich der VIII. Biennale di Venezia, der seit 1895 bestehenden und damit ältesten, alle zwei Jahre stattfindenden internationalen Kunstausstellung, eröffnet. Der Pavillon, der anfangs noch Bayrischer Pavillon hieß, wurde 1938 von dem deutschen Architekten Ernst Haiger, der schon im Auftrag Hitlers das Kasino im Münchner „Führerbau“ sowie die Bar im Münchener NS-Ausstellungsgebäude „Haus der Deutschen Kunst“ (heute „Haus der Kunst“) entworfen hatte, umgebaut. Die Fassade, die von runden, ionischen Säulen und einem dreieckigen Giebel geschmückt wurde, weichte rechteckigen Pfeilern und einem sogenannten Architrav, einem Querbalken. Hierdurch wandelte sich das Gebäude äußerlich von einem zierlichen Tempel in einen streng geometrischen, auf Monumentalität zielenden Bau, der von nun an die Aufschrift „Germania“ trug. Nach dem Zweiten Weltkriegt wurde das Gebäude saniert, und seit damals bis heute kursieren immer wieder Pläne zum Abriss des Pavillons, der unter italienischem Denkmalschutz steht. Zahlreiche Künstler setzten sich mit der politisch problematischen Geschichte und Architektur des Baus auseinander, z. B. Isa Genzken, die ihn zur Biennale 2007 vollkommen eingerüstet präsentiert.

Auch der „Führerbau“ in München zielt auf Monumentalität ab, wenngleich nicht in dem Maße wie z. B. die Gebäude auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. 1933, als mit seiner Errichtung begonnen wurde, lag für das Gelände im Zentrum Münchens am Königsplatz noch keine Baugenehmigung vor. Die Stadt München forderte ergebnislos die Einstellung der Bauarbeiten und gab schließlich doch ihre Zustimmung. Im September 1937 wurde der „Führerbau“ bei einem Besuch Mussolinis eingeweiht. Er ist Teil eines größeren neoklassizistischen Ensembles, das in diesen Jahren nach den Plänen von Paul Ludwig Troost, der das bereits erwähnte „Haus der Kunst“ entwarf, hier gebaut wurde. München als Stadt des Aufstiegs des Nationalsozialismus trug von 1935 bis 1945 den Ehrentitel „Hauptstadt der Bewegung“ und sollte wie auch Berlin, Hamburg und Linz zu einer „Führerstadt“ ausgebaut werden. Anfang der dreißiger Jahre begannen die Nationalsozialisten ihr Projekt in München mit dem Kauf von Grundstücken rund um den Königsplatz und deren zum Teil anfangs illegaler Bebauung. Es entstand ein Parteiviertel, zu dem neben dem „Führerbau“ u. a. auch ein identischer „Verwaltungsbau der NSDAP“ gehörte und zwei „Ehrentempel“, die 1947 gesprengt wurden. Der „Führerbau“ war zu repräsentativen Zwecken gebaut worden, wurde aber hierfür kaum genutzt. Hitlers Reichskanzlei in Berlin sowie dessen „Residenz“ am Obersalzberg übernahmen schnell diese Funktion. Lediglich im September 1938 war der „Führerbau“ Schauplatz eines besonderen politischen Ereignisses, dem „Münchner Abkommen“ zur Abtretung des Sudentenlandes durch die Tschechoslowakei. Viel größere Bedeutung hatte der „Führerbau“ als Lager und Logistikzentrum für Raubkunst. Im Luftschutzbunker des Gebäudes lagerten hunderte von Kunstwerken, viele Gemälde von Altmeistern des 19. Jahrhunderts, die Hitler für sein geplantes „Führermuseum“ in Linz aus ganz Europa zusammensammelte. Im April 1945 flohen die deutschen Wachmannschaften vor den heranrückenden US-amerikanischen Truppen. Es kam zum „Führerbau-Diebstahl“, bei dem die Bevölkerung auf der Suche nach allem Verwertbaren das Gebäude plünderte und viele Gemälde stahl. Von 2015 bis 2019 untersuchte ein Projekt des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, das seit 1948 im ehemaligen Verwaltungsgebäude untergebracht ist, die Geschichte der Sammlung und den Verbleib der Bilder. Von den insgesamt 670 Objekten gelten bis heute 370 als verloren. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges ging der von Bomben verschonte „Führerbau“ in den Besitz der US-Militärregierung über, die das Gebäude passenderweise als „Central Collecting Point“ nutzte, als zentrale Sammelstelle für die von den Nationalsozialisten europaweit erbeutete Raubkunst. Von 1948 bis 1957 beherbergte der Führerbau das „Amerika-Haus“, ab 1957 bis heute die Hochschule für Musik und Theater. Der inzwischen unter Denkmalschutz stehende Bau ist marode bedarf dringend einer Sanierung.
Beide Gebäude sind Beispiele eines neoklassizistischen Stils, der schon vor der NS-Zeit entstand und oft fälschlicherweise mit nationalsozialistischer Architektur gleichgesetzt wird. Der Beginn des Neoklassizismus in Deutschland datiert ungefähr auf den Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Beispiel hierfür ist das Kurhaus Wiesbaden, das 1905 bis 1907 errichtet wurde. Im Laufe der Jahre machte sich der Einfluss der konkurrierenden architektonischen Strömung der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses immer mehr bemerkbar und führte zu einer zunehmenden Schlichtheit der Gebäude, gut sichtbar am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, das von 1928 bis 1930 gebaut wurde.

Auch in Italien wurde in der Zeit der faschistischen Diktatur der Neoklassizismus in reduzierter Form gepflegt, in der Scuola romana. Parallel hierzu entstanden Gebäude im Stil des sogenannten Rationalismus, einer Architekturströmung, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden war. Der Rationalismus (Razionalismo/Architettura Razionale) ist gekennzeichnet durch eine Abstrahierung architektonischer Grundtypen auf einfache geometrische Formen und die Bezugnahme nicht nur auf den Klassizismus, sondern auch auf die Antike.

Ein Beispiel für diese Stilrichtung ist der „Palazzo della Civilità Italiana“ (deutsch: Palast der italienischen Zivilisation) oder umgangssprachlich „Colosseo quadrato“ in Rom. Die drei Architekten Ernesto Bruno La Padula, Giovanni Guerrini und Mario Romano planten den 68 m hohen Palast aus Tavertin-Marmor, der auf einer Anhöhe über dem Tiber errichtet ist, seinerzeit in Anlehnung an das römische Kolosseum mit seinen vielen Rundbögen. Die Rundbögen sind auch das Markenzeichen des „Palazzo della Civilita Italiana“: Er verfügt auf seinen sechs Etagen insgesamt über 216. In der Senkrechten entspricht die Anzahl der Bögen der Anzahl der Buchstaben von Mussolinis Vornamen Benito (sechs), in der Waagerechte der Anzahl der Buchstaben seines Nachnamens (neun). An allen vier Ecken des Gebäudes findet sich eine Statue, in der unteren Arkade 28 Statuen. Sie symbolisieren Themen wie z. B. Musik oder Geschichte. An allen vier Seiten des Gebäudes befindet sich die Inschrift: „Ein Volk der Dichter, der Künstler, der Helden, der Heiligen, der Denker, der Wissenschaftler.“ Das Zitat stammt aus einer Rede Mussolinis zur Kriegserklärung gegen Äthiopien 1935. Der „Palazzo della Civilita Italiana“ entstand von 1938 bis 1942 in der Regierungszeit von Benito Mussolini im Rahmen des Baus eines neuen Stadtviertels, in dem 1942 eine Weltausstellung stattfinden sollte. Wegen des Eintritts Italiens in den Zweiten Weltkrieg fand diese Weltausstellung nie statt, das Stadtviertel EUR (Anfangsbuchstaben von „Esposizione Universale di Roma“) existiert jedoch bis heute und hat im Laufe der Jahrzehnte fortlaufend eine Weiterentwicklung und Aufwertung erfahren. Viele namhafte Firmen sind in diesem Viertel mittlerweile ansässig, so auch seit 2015 im „Palazzo della Civilita Italiana“ die Modemarke Fendi. Während die Firma in den Obergeschossen des Gebäudes residiert, findet sich seit einer aufwändigen Renovierung in den Jahren 2003 bis 2008 im Untergeschoss eine öffentliche Ausstellung über die Geschichte des Gebäudes und des Viertels sowie deren Rezeption in Kunst, Architektur, Film und Fotographie. So diente die besondere Architektur des EUR z. B. zahlreichen Spielfilmen als Kulisse, so in Rossellinis „Rom, offene Stadt“, in Fellinis „Boccaccio 70“ oder in Bertoluccis „Il Conformista“. Der Bau des „Palazzo della Civilità Italiana“ findet sich auch in einigen Kinofilmen der 90er, so z. B. in „Hudson Hawk – Der Meisterdieb“ oder in „Titus“.

Ein weiteres Beispiel für den italienischen Rationalismus ist die ehemalige „Casa del Fascio“, heute „Casa del Popolo“ in Como in Norditalien. Das Gebäude wurde von 1932 bis 1936 vom Architekten Giuseppe Terragni geplant und erbaut. Terragni gilt als Mitbegründer des italienischen Rationalismus und Wegbereiter der architektonischen Moderne in Italien. Auch hier finden sich die für diesen Stil typische Orientierung an Idealen der klassischen Moderne und der Rückbezug auf nationale Bautraditionen. So ist die „Casa des Popolo“, deren Außenmaße einem halbierten Würfel entsprechen komplett mit weißem Marmor verkleidet. Das Gebäude diente seinerzeit als Parteihaus der Faschisten, heute beherbergt sie das Finanzamt des Ortes.

Der Scorff-Bunker in Lorient an der Atlantikküste Frankreichs ist ein U-Boot-Bunker, der 1941 von der deutschen Wehrmacht unter der Leitung der sogenannten Organisation Todt gebaut wurde. Die Organisation Todt, benannt nach ihrem Anführer Fritz Todt, war eine paramilitärische Bautruppe, die insbesondere verantwortlich war für Bauprojekte in den von den Deutschen besetzten Gebieten, so z. B. neben der Errichtung der U-Boot-Bunker entlang der französischen Atlantikküste auch für den Bau der Bunker und Geschützanlagen des Atlantikwalls oder für den Westwall. Der Scorff-Bunker, am Fluss Scorff liegend, ist Teil eines größeren Bunkerkomplexes der in Lorient entstand und den Ort zum größten deutschen U-Boot-Stützpunkt während des Zweiten Weltkrieges machte sowie zur größten Festungsanlage der Welt, die im 20. Jahrhundert gebaut wurde. Im Scorff-Bunker fanden vier U-Boote Platz, und er verfügte über zwei Nassboxen, d. h. das U-Boot konnte direkt hineinfahren, was nicht bei allen Bunker, die in Lorient entstanden möglich war. Er war ca. 128 lang, 56 m breit und 14 m hoch, die Angaben hierüber variieren. Die Betondecke war mit 3,5 m vergleichsweise dünn, da der Bunker aufgrund des schlammigen Untergrundes keine stärkere Decke tragen konnte. Da der schlammige Untergrund zudem die Einfahrt der U-Boote in den Bunker erschwerte, diente dieser bald nur noch als Liegeplatz und Werkstatt. Er war der Vorläufer der stabileren Keroman-Bunker, von denen verschiedenste Modelle auf dem Gelände errichtet wurden. Lorient wurde von den Alliierten stark bombardiert, fast 95 % der Häuser wurden zerstört. Die Bunker hingegen erlitten kaum einen Schaden und stehen bis heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg stationierte die französische Marine eigene U-Boote auf dem Bunkergelände von Lorient. Heute befinden sich zum einen Bootsbauunternehmen auf dem Gebiet, zum anderen sind die ausgedehnten Keroman-Anlagen als Touristenattraktion zur Besichtigung freigegeben. Es gibt auch ein Museum. Der Scorff-Bunker, der etwas abseits liegt, ist allerdings nicht öffentlich zugänglich. Wie und ob er derzeit genutzt wird, ist unbekannt.

Die Waldsiedlung Krumme Lanke, ehemals „SS-Kameradschaftssiedlung Krumme Lanke“ in Berlin-Zehlendorf wurde 1938-39 nach dem Entwurf des technischen Leiters Hans Gerlach von der Baugesellschaft Gagfah errichtet. In ihr sollten die Familien der Mitarbeiter der SS-Hauptämter Berlins untergebracht werden, wobei sich die Wohnungstypen und –größen nach dem militärischen Rang des NS-Angestellten richteten. Ideologischer Hintergrund war die Verwirklichung der agrarpolitischen Vorstellung von „Blut und Boden“ durch „Sesshaftmachung wertvoller SS-Familien“. Hierbei orientierte man sich an dem städtebaulichen, ursprünglich sozialistischen Konzept der sogenannten Gartenstadtbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in England entstanden war und vorsah im Umland großer Städte dörfliche Kleinhaussiedlungen für Arbeiter zu schaffen. Demnach mutet die Waldsiedlung, die bis heute größtenteils unverändert erhalten ist und deren Wohneinheiten auf dem Immobilienmarkt inzwischen teuer gehandelt werden, wie ein bäuerliches Idyll an. Die Gagfah hatte für ein anderes Projekt bereits Pläne für schlichte Musterhäuser mit Satteldächern entwickelt, Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäuser, die jetzt übernommen wurden. Insgesamt entstanden auf dem mit Kiefern bewachsenen Gebiet 600 Wohneinheiten in ca. 300 Häusern. Parallel wurden städtische Massenunterkünfte gebaut, die die Ideen des modernen Wohnungsbaus der 20er Jahre aufnahmen. Diese urban ausgerichtete Strömung des NS-Siedlungsbaus, ironischerweise inspiriert durch den verbotenen Bauhaus-Stil, setzte sich während der NS-Herrschaft gegenüber der agrarromantischen Strömung immer mehr durch. Nach dem 2. Weltkrieg verfügten die Alliierten, dass in der Waldsiedlung Krumme Lanke bevorzugt Verfolgte des Nationalsozialismus – Widerstandskämpfer, Flüchtlinge – unterkommen. Viele der neuen Bewohner wurden später durch steigende Mieten verdrängt. 1992 wurde die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt. 2009 wurde eine Stele aufgestellt, deren Text und Errichtung für Kontroversen sorgte. Zum einen wurde kritisiert, dass die NS-Vergangenheit der Siedlung wieder thematisiert wird, zum anderen, dass sie nicht genug thematisiert wird. Beispielsweise wurde der Baugesellschaft Gagfah, in deren Besitz die Siedlung nach wie vor ist, vorgeworfen nicht öffentlich zu machen, ob und welche Kriegsverbrecher hier gelebt haben und inwieweit eigene Mitarbeiter selbst mit dem NS-Regime verbunden waren.

Das Konzentrationslager Mauthausen war das größte deutsche Konzentrationslager der Nationalsozialisten auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Es wurde im August 1938 gegründet, kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland, und bestand – mit seinen 52 Nebenlagern – bis zu seiner Befreiung durch US-amerikanische Truppen im Mai 1945. Es war ursprünglich ein Konzentrationslager nur für Männer, die einerseits im nahe gelegenen Granitsteinbruch arbeiten sollten, andererseits hier festgesetzt und gezielt vernichtet werden sollten. 1943 wurden immer mehr Häftlinge für die Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie abkommandiert. Inhaftiert waren Personen aus vierzig verschiedenen Nationen, darunter neben Juden viele Sinti und Roma, Polen, Spanier, Russen, Tschechen, Engländer, Amerikaner. Es wurden auch deutsche Männer nach Mauthausen transportiert, die in der Vergangenheit mit kriminellen Delikten im Gefängnis gesessen hatten. Diese übernahmen teilweise Leitungsfunktionen im KZ. Ab der zweiten Kriegshälfte saß auch eine geringe Anzahl Frauen im KZ ein (ca. 2,5 % aller Häftlinge). Viele arbeiteten in den insgesamt zehn KZ-eigenen Bordellen. Auch Kinder und Jugendliche wurden hier eingesperrt und getötet. Die Bedingungen im KZ waren von besonderer Grausamkeit. Ganz offiziell wurde es bis 1943 als einziges reines Vernichtungslager mit der KZ-Klassifikation III – „Vernichtung durch Arbeit“ geführt. Auch unter den Deutschen hieß das Lager „Mordhausen“. Bekannt ist die sogenannte „Todesstiege“ zwischen dem KZ und dem Steinbruch, über die die Häftlinge täglich schwere Granitblöcke tragen mussten. Erschwert wurde die Arbeit durch die verschieden hohen, bis zu einem halben Meter messenden Stufen. Die SS-Wärter traten die Häftlinge auf ihrem Weg hinunter oft von hinten in den Rücken, sodass sie beim Herunterfallen Mithäftlinge mit sich rissen. An der zynisch genannten „Fallschirmspringerwand“ zwischen „Todesstiege“ und Steinbruch wurden die Insassen regelmäßig und manchmal zu Hunderten an einem Tag 50 m in die Tiefe gestoßen. Kranke oder nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge wurden ermordet oder sich selbst überlassen, sodass sie an Kälte und Hunger starben. Wurden anfangs Erschießungen in großem Umfang auf einer Hinrichtungsstätte durchgeführt, bediente man sich ab 1941 einer Genickschussanlage, die die Arbeit vereinfachen sollte. Ab 1941 wurde auch Giftgas eingesetzt. Insgesamt wurden im KZ Mauthausen und seinen Nebenlagern rund 190.000 Menschen inhaftiert, ca. die Hälfte starben. Nach dem Krieg wurde auf dem Gelände des Lagers die KZ-Gedenkstätte Mauthausen errichtet. Abgesehen von dem prägnanten Eingangstor sind kaum mehr Gebäude aus der Zeit des Konzentrationslagers vorhanden. Die US-Armee hatte seinerzeit die meisten Baracken aufgrund von Seuchengefahr niedergebrannt. In den Folgejahren verschwanden auch die restlichen Bauten. Heute ist auf dem ehemaligen Lagergelände ein Denkmalpark zu finden mit Mahnmalen zahlreicher Nationen und Opfergruppen, z. B. auch der Zeugen Jehovas. Es wurde zudem ein Museum mit verschiedenen Ausstellungen eingerichtet sowie ein Friedhof, auf dem 14.000 Opfer beerdigt sind. Des Weiteren gibt es eine Sammlung, in der Dokumente aus der Lagerzeit archiviert werden und Interviews mit Opfern, die nach der Befreiung geführt wurden, sowie eine Fachbibliothek und eine Forschungsstelle, die Informationen zur Geschichte des KZ-Komplexes sammelt, z. T. publiziert und zur Verfügung stellt.

Der Umgang mit den baulichen Hinterlassenschaften der faschistischen Diktaturen ist nach wie vor schwierig, ja angesichts des aktuellen Erstarkens rechter politischer Kräfte weltweit vielleicht sogar schwieriger denn je. Schwierig ist er auch deshalb, weil jedes Gebäude andere Fragen im Hinblick auf den Umgang stellt. Es ist wichtig, hier zu differenzieren.

Die erste und bekannteste Kategorie faschistischer Architektur bilden die Monumentalbauten, in dieser Serie vertreten durch den Deutschen Pavillon in Venedig, den Führerbau in München und beide italienischen Gebäude. Selbstverständlich ist Monumentalarchitektur keine Erfindung der Faschisten wie häufig suggeriert wird. Es gibt sie schon seit Jahrtausenden, und es gibt sie nach wie vor. In der Regel hat sie den Zweck der Darstellung und Verewigung religiöser und/oder politischer Herrschaft. Einerseits will sie den Betrachter überwältigen, andererseits an der Größe der Macht teilhaben lassen. Bei der Beurteilung dieser Gebäude in Deutschland ist außerdem zu berücksichtigen, dass der neoklassizistische Stil, in dem sie gebaut sind und der uns heute möglicherweise überladen vorkommt, schon vor der Zeit der faschistischen Diktatur in Mode war. Ähnlich war die Situation in Italien. Den modernen, minimalistischen Stil des Rationalismus, in dem die Casa del Fascio und der Palazzo della Civilità Italiana gebaut wurden, gab es schon seit den Zwanzigern.

Mehr noch bei den italienischen Gebäuden als bei den deutschen stellt sich die moralische Frage, ob man sie ungeachtet ihrer politischen Vergangenheit schön finden darf. Hier scheiden sich die Geister. Die einen sind der Auffassung, dies würde einer Verharmlosung der Gräueltaten der Faschisten gleichkommen, die anderen sprechen den Gebäuden eine originäre Unschuld zu. Tatsache ist, die beiden italienischen Gebäude gelten bereits als Ikonen moderner Architektur, und auch die Monumentalbauten der Nationalsozialisten in Deutschland besitzen für viele Menschen nach wie vor eine große, rein ästhetische Anziehungskraft. Es hieße also, die Lage verkennen, wenn man nicht anerkennen würde, dass viele Bauten der NS-Zeit einen ästhetischen Reiz besitzen und im weiteren Sinne faszinieren. Sie sind also schuldig und unschuldig zugleich, je nachdem, welche Ebene man betrachtet. Und „Faszinierender Faschismus“ lautete bereits 1974 der Titel eines Essays von Susan Sontag. Diese Faszination betrifft im Übrigen nicht nur die Architektur und Orte dieses Regimes, sondern viele Bereiche dieser Kultur, wie Peter Reichel in seinem 1991 erschienen Buch „Der schöne Schein des Dritten Reiches“ ausführlich darlegt.

Monumentalbauten sind auch die Bunker des Zweiten Weltkrieges. Versuche, sie zu sprengen misslangen. Der in dieser Serie dargestellte Scorff-Bunker in Frankreich als Teil des Atlantikwalls steht stellvertretend für unzählige Bunker und Bunkeranlagen, die noch über ganz Europa verstreut liegen. Der Architekt und Philosoph Paul Virilio begann in den 50er Jahren sich mit diesen Bauten beschäftigen, fasste seine Erkenntnisse in dem Buch „Bunkerarchäologie“ zusammen. Er erkannte eine Ähnlichkeit zu antiken Sakralbauten und baute selbst später eine Kirche im Bunker-Stil des Brutalismus, ein „Betonklotz“, kaum von den von ihm untersuchten Objekten zu unterscheiden. Typisch sowohl für den Brutalismus als eine wesentliche Strömung der Nachkriegsmoderne als auch für diese Art der Militärarchitektur sind die skulpturale, minimalistische Form der Gebäude und die Verwendung von Beton als Baustoff. Umstritten sind beide, und in ästhetischer Hinsicht haben sie eine ähnliche Entwicklung durchlaufen. Galten sie früher als hässlich, entdecken nun viele ihre ästhetische Qualität. Gerade die Bunker sind ein beliebtes Fotomotiv und große Besuchermagneten. Doch die Bunker sind natürlich nach wie vor Mahnmale des Krieges und erregen Anstoß. Dass sie quasi für die Ewigkeit gebaut sind, unabsichtlich, macht auch sie zu Bauten, an denen sich die Ambivalenz des Erhabenen ablesen lässt.

Ganz andere Fragen stellen sich im Umgang mit der Waldsiedlung ehemals SS-Kameradschaftssiedlung Krumme Lanke. Es sind andere Fragen, weil es eine andere Art von Gebäuden mit einer anderen Funktion ist. Die vorher besprochenen Gebäude befinden sich vorwiegend entweder in öffentlicher Hand oder sind verlassen. Hier handelt es sich um Wohnhäuser, in denen nach wie vor gelebt wird. Für diese Häuser gibt es einen Markt, sie werden für gutes Geld verkauft oder vermietet. Sie befinden sich in einer attraktiven Wohngegend Berlins. Dass sie Relikte des Nationalsozialismus sind ist anders als bei den Monumentalbauten nichts, was ins Auge fällt. Man könnte es glatt vergessen. Viele Bewohner wissen es vielleicht nicht einmal. Der Konflikt zwischen ästhetischer Qualität und politischer Vergangenheit hat hier daher eine andere Gewichtung. Hier scheinen private Interessen ins Spiel zu kommen, die die Verbindung mit dem Nationalismus eher verdrängen wollen. Umso hartnäckiger sollte hier das Bemühen sein, die Erinnerung an die NS-Diktatur, die für die Errichtung dieser Gebäude verantwortlich war, wachzuhalten.

Das letzte Gebäude der Serie „fascism | innocence“ wirft die schwierigsten Fragen auf. Es ist das Eingangsgebäude des Konzentrationslagers Mauthausen. Dieses Gebäude verweist auf die Thematik des Umgangs mit Konzentrationslagern allgemein. Architekturgeschichtliche Aspekte standen lange im Hintergrund. Dennoch, auch die Lagerarchitektur gehört zur Gesamtheit der Bauten der NS-Zeit. Ethische Bedenken verhinderten häufig eine Bestandsaufnahme. Während die Monumentalbauten der Repräsentation nationalsozialistischer Macht und Ideologie dienten, der Scorff-Bunker der Unterbringung von U-Booten, die Siedlung Krumme Lanke dem Wohnen war das KZ der Ort, an dem dieses Regime seine furchtbarsten Verbrechen beging. Weil die Funktion dieser Gebäude derart abscheulich war, ist es so besonders heikel, sich mit ihnen zu befassen.

Viele ehemalige Konzentrationslager der Nationalsozialisten sind heute Gedenkstätten und blicken selbst schon auf eine (Nachkriegs-) Geschichte zurück. Keines befindet sich mehr in seinem ursprünglichen Zustand. Es sind Orte der Erinnerung geworden mit Museen, Mahnmalen, Gedenktafeln und vielen anderen Medien, um der Opfer zu gedenken. Diese staatlich subventionierte Erinnerungskultur hat ihren Platz in der Gesellschaft gefunden, andererseits kann der Tourismus, der hierdurch entstanden ist in einigen Fällen durchaus kritisch gesehen werden. Es ist nicht nur der kommerzielle Aspekt, der bedenklich ist, auch die explizite Darstellung der Grausamkeiten ist es. Letztere soll aufrütteln, kann aber auch als pietätlos empfunden werden oder eine Sensationsgier bedienen. Dass zu den KZ-Gedenkstätten auch Rechtsradikale pilgern, ist bisher nur eine Randerscheinung. Die Gefahr besteht, dass mit wachsendem Antisemitismus Anschläge zunehmen.

Die Darstellungsweise der Gebäude in der Serie „fascism | innocence“ lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters weg von der äußeren historisch-politischen Ebene hin zur ihrer inneren ästhetisch-philosophischen. Die Gebäude stehen isoliert, herausgelöst aus dem geschichtlichen Kontext. Ziel ist es, die Motive der sogenannten inneren Ebene und ihre Auswirkungen auf die äußere zu untersuchen. Ein Begriff, der hierbei hilfreich ist und der sich in der Architekturphilosophie insbesondere durch Gernot Böhme etabliert hat ist der der Atmosphäre. Auch Hermann Schmitz, der Begründer der „Neuen Phänomenologie“ hat sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt und gibt die Herangehensweise vor: Es empfiehlt sich, Atmosphären als ein Phänomen zu betrachten, denn es erlaubt eine wissenschaftlich-wertfreie Begutachtung und Anerkennung des zu untersuchenden Objekts. – Man weiß noch nicht, was man davon halten soll, aber muss zugeben, es ist. – Gerade bei der philosophischen Untersuchung von Atmosphären ist diese Herangehensweise sinnvoll, begibt man sich doch auf unsicheres Terrain. Atmosphären sind vage und unbestimmt, lassen sich nicht klar definieren. Ihre Wahrnehmung erfolgt mehr über das Spüren als über das Sehen oder Hören. Es sind Stimmungen und Gefühle, manchmal temporär, manchmal reproduzierbar, jedoch häufig unzweifelhaft existent. Die reduzierte Darstellung der Gebäude in der Serie fascism | innocence nur als Fassaden ohne Perspektive gibt der Atmosphäre Raum. Zu viele Bildelemente würden sie überdecken. Die monochrome Farbgebung mit der starken Kontrastierung von Licht und Schatten verstärkt die Atmosphärenbildung. Es entsteht – nach Walter Benjamin – eine unverwechselbare Aura. Aura und Atmosphäre stehen in unmittelbarer Verwandtschaft miteinander. Eigentlich sind sie Energiefelder, die zwischen den Zeichen des Verstandes entstehen. Es sind Symptome der Unschärfe.

Die Eigenschaft dieser Unschärfe in diesem Zusammenhang ist es, über Grenzen von Körpern, seien es die von Menschen, Gebäuden oder Gedankengebäuden, hinauszugehen und sich mit anderen Körpern verbinden zu können. Sie hat die Fähigkeit zur Transzendenz. Das macht Atmosphären zur gemeinschaftsbildenden Kraft. Sie sind entweder, von innen her kommend, Ausdruck und Träger eines kollektiven Gefühls oder können umgekehrt, von außen her kommend, ein kollektives Gefühl erzeugen. Als Träger von Gefühlen sind sie gleichzeitig Träger von unbewussten Bildern und Vorstellungen. Sie sind der Stoff, aus dem sich Mythen bilden.

Gebäude sind Orte, an denen Mythen entstehen und sich auf sie projizieren können. Das gilt natürlich auch für Bauten der NS-Diktatur, bei einigen mehr, bei anderen weniger. Die in dieser Serie dargestellten sind exemplarisch für bestimmte, vor allem durch ihre Funktion definierte Arten von Architektur dieser Zeit. Je nachdem machen sich an ihnen bestimmte Mythen fest. Hierbei muss man formal drei unterscheiden: die Mythen, derer sich die Nationalsozialisten bedienten, die Mythen, die sie zu schaffen versuchten, die Mythen, die sich ohne ihren Einfluss gebildet haben.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde damit begonnen, die NS-Diktatur in vielen Bereichen zu entmystifizieren, doch muss man konstatieren, dass dies nur zum Teil gelungen ist. Um hier weiterzukommen ist es meiner Meinung nach wichtig zu untersuchen, welche Bedürfnisse durch die jeweiligen Mythen befriedigt wurden und werden und diese Bedürfnisse auch ernst zu nehmen. Dass Mythen in der Politik große Bedeutung besitzen ist zwar schon lange Thema der geisteswissenschaftlichen Forschung, aber häufig doch nur am Rande, da sie eine Sphäre berühren, die viele als problematisch empfinden: die des Religiösen. Hierbei geht es jedoch nicht um einzelne Religionen und Fragen des Laizismus, auch nicht um die Frage, ob Gott existent ist oder nicht, sondern ausschließlich – um den Begriff und die Untersuchungsmethode noch einmal zu bestätigen – das Phänomen des Religiösen.

Der Mythos als Phänomen des Religiösen im westlichen Kulturkreis ist im Laufe der Aufklärung und Säkularisation immer populärer geworden und wurde zugleich immer mehr vom Religiösen abgekoppelt. In heutigen Diskursen tritt häufig der wissenschaftliche Begriff des „Narrativs“ an seine Stelle. Auch hat der Mythos an Größe und seinen Rang als absolute Wahrheit verloren. Roland Barthes Werk „Mythen des Alltags“ von 1957 spiegelt diesen Bedeutungsverlust wider. Als Gegenbewegung zum mythengeladenen Nationalsozialismus und in Abgrenzung dazu ist diese Entwicklung nachvollziehbar. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass durch die Ablehnung dieses Aspekts wiederum eine Dämonisierung der NS-Diktatur und damit mythische Aufladung entsteht.

Mythen dienen vorrangig der Gemeinschaftsbildung. Gleich mehrere Bedürfnisse können so befriedigt werden, dem nach Identität (wer bin ich?), dem nach Verortung (wo gehöre ich hin?), dem nach Sinn (was ist meine Aufgabe?) und dem nach Bedeutung (was bin ich wert?). Dem zugrunde liegt der menschliche Drang nach Teilhabe an etwas „Größerem“, etwas, dass durchaus als religiöses Phänomen zu deuten ist. 1967 präsentierte Arthur Koestler seine Theorie des Holon, die in der Nachfolge der Theorie der Leibniz’schen „Monade“ steht und eigentlich eine Theorie des Selbst ist. Hierzu erklärt der Schriftsteller, der Mensch als Holon habe das Bedürfnis „nach Zugehörigkeit, nach Überschreiten – Transzendieren – der engen Grenzen des Ichs“ mit dem Ziel einer „Vereinigung mit einem umfassenderen Ganzen, sei es eine Gemeinschaft von Menschen, ein religiöser Glaube, ein politisches Anliegen, sei es die Natur, die Kunst“. (Vgl. Der Mensch als Irrläufer der Evolution, Goldmann Verlag, 1978, S.75.) Auf der anderen Seite besteht auch der Drang nach Entwicklung der eigenen Individualität. Beide Kräfte befinden sich bestenfalls im Gleichgewicht.

Zwischen Mythos und Mensch besteht eine Wechselwirkung auf verschiedenen Ebenen, zum einen auf sprachlicher in Form einer exemplarischen Erzählung, zum anderen auf bildlicher in ahistorischer, also überzeitlicher Form von Bildern und Symbolen des kollektiven Unbewussten und zu guter Letzt als Atmosphäre. Es stellt sich die Frage, ob der Mensch nicht auch ein Homo religiosus ist, dessen spirituelle Bedürfnisse – z. B. nach Transzendenz, Anbetung, Heiligung – im Wandel der Zeiten weiterbestehen und lediglich eine andere Ausprägung erfahren. Keine neue Frage, aber eine, die es möglicherweise verdient, mehr Beachtung zu finden.